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SEV Jugendtagung

Rückverteilen, nicht Umverteilen

Die SEV-Jugendtagung stand dieses Jahr unter einem ungünstigen Stern. Trotzdem bzw. gerade deswegen konnten die Teilnehmenden von einer ökonomischen Lehrstunde profitieren, in welcher Beat Ringger vom Denknetz ihnen die wichtigsten Zusammenhänge der Wirtschaftskrise aufzeigte. Weitere Themen waren die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich und die Situation der Jugendlichen in den Europäischen Krisenländern.

Gruppenfoto der Jugendtagung 2013

Eigentlich sollten diverse Referenten aus europäischen Ländern über die Situation der Jugend in ihrer Heimat referieren. Wegen sehr kurzfristiger Absagen fast aller eingeladenen Referenten musste Jérôme Hayoz das Programm komplett umkrempeln und innert kürzester Zeit valablen Ersatz suchen. Beat Ringger, Geschäftsführer Denknetz, war mehr als das: In seinem prägnanten Referat zur «Wirtschaftskrise und deren Auswirkungen auf die Arbeitswelt» erklärte er den nur 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Hintergründe der Krise und welche immense Gefahr von der Abzockerei der «Manager» ausgeht: Es steht nicht weniger als die Existenz unserer Gesellschaft auf dem Spiel.

Gigantische Umverteilung von unten nach oben.

Ringger legte dar, dass sich die Krise aus vier Schichten zusammensetzt. Es sind dies:

  • die Gier der Finanzmarktakteur/-innen

  • die Deregulierung und Eigendynamik der Finanzmärkte seit der Ära Reagan/Thatcher

  • die(neoliberale) Umverteilung mit einer Nachfragekrise als Folge

  • die Krise der Kapitalverwertung

Die Gier der Finanzmarktjongleure lässt sich leicht illustrieren: 1984 verdiente ein „Topmanager“ rund das sechsfache eines Durchschnittsgehaltes. 1998 waren es schon vierzehnmal mehr und heute sind es 93 Mal so viel! 

Die in den 80er-Jahren beschlossenen Deregulierungen (Wechselkurse, Kapitalverkehrskontrollen, neue Finanz«produkte», geringe Eigenkapitalquoten und Hedge Fonds) führten zu einer äusserst hohen Mobilität des Kapitals. Das Geld wurde zunehmend aufgrund kurzfristiger Gewinnerwartungen investiert.

Die Arbeitsproduktivität wurde in den letzten 20 Jahren stetig gesteigert. Die Löhne allerdings stiegen nicht im selben Mass an, der Saldo wurde von den obersten 1% eingestrichen. Gleichzeitig profitierte dieselbe Schicht von stetig sinkenden Steuern.

Die Folge davon ist eine gigantische Umverteilung des Kapitals von unten nach oben und gleichzeitig vom Staat zu Privaten. Dieses Geld wird nun nicht mehr in die Nachfrage, d.h. den Motor der produktiven Wirtschaft investiert, sondern verschwindet in den Finanzmärkten und erzeugt keine reale Nachfrage mehr, sondern bestenfalls nicht nachhaltige Spekulation (Immobilien).

Es gibt viel zu viel Geld

Die beschriebene Umverteilung führt zu einer Krise der Kapitalverwertung. Seit Beginn der 80er-Jahre klaffen die Profit- und die Investitionsquote immer weiter auseinander: Unternehmen verfügen über gewaltige Finanzüberschüsse, welche volkswirtschaftlich durch Verschuldung der Staaten und Privathaushalte wieder ausgeglichen werden müssen. Das Geld fehlt für gesellschaftlich sinnvolle Investitionen wie etwa das Gesundheitssystem oder die Infrastruktur.

Rückverteilen!

In dieser Entwicklung verbirgt sich eine grosse Gefahr für unsere Gesellschaft. Das Geld muss wieder an die Gesellschaft zurückgegeben werden. Der gesellschaftliche Reichtum muss aus den zerstörerischen Finanzmärkten herausgelöst und für nützliche Investitionen zur Verfügung gestellt werden.

Die 1:12-Initiative, über die wir am 24. November abstimmen werden, ist die nächste Gelegenheit, einen Schritt in Richtung Rückverteilung und soziale Gerechtigkeit zu gehen.

Workshops

In den nachmittäglichen Workshops wurden die Auswirkungen der Krise auf die Situation der Jugendlichen in Frankreich, Spanien und Griechenland untersucht. Die Teilnehmenden gingen der Frage nach Gründen für die Jugendarbeitslosigkeit nach und welche Massnahmen dagegen die jeweiligen Staaten ergreifen.

Jugendarbeitslosigkeit in Österreich

Die Kollegen Mario Drapela und Christopher Badalec von der österreichischen vida Jugend gaben am Nachmittag einen Überblick über die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich. Sie zeigten auch auf, welche Lösungsansätze bestehen.

Derzeit sind in Österreich 8.6% der Jugendlichen im Alter von 15-24 Jahren arbeitslos. Das ist rund 7% mehr als im letzten Jahr. Darin sind allerdings jene Jugendlichen nicht enthalten, welche im Rahmen von Massnahmen des Arbeitsmarktservices (AMS, entspricht dem Schweizer RAV) beschäftigt sind. Das sind beispielsweise Jugendliche, die eine überbetriebliche Ausbildung geniessen, aber nicht in einem Lehrverhältnis stehen. Betroffen von Arbeitslosigkeit sind hauptsächlich schlecht oder gar nicht ausgebildete Jugendliche.

Ausbildungsgarantie

Österreich kennt wie die Schweiz und Deutschland das duale Ausbildungssystem (Lehre mit Berufsschule). Der österreichische Staat garantiert allen Jugendlichen, die das wollen, eine Ausbildung mit Berufsabschluss. Da zu wenig Lehrstellen existieren, sind die sogenannten Überbetrieblichen Berufsausbildungen (ÜBA) ins Leben gerufen worden, für die es finanzielle Unterstützung durch den Arbeitsmarktservice gibt.

Die Gefahr besteht, dass sich die Betriebe wegen dieser Massnahmen aus der Lehrlingsausbildung zurückziehen, sprich Kosten an die AMS externalisieren. Um dies zu verhindern, schlagen die Gewerkschaften die «Fachkräftemilliarde» vor. Die Unternehmen sollen 1% ihrer Lohnsummen abgeben, das für die Finanzierung der Lehrlingsausbildung verwendet würde. Das Geld würde dann an Unternehmen fliessen, die tatsächlich Lehrlinge ausbilden. Der Anreiz für die Unternehmen, Lehrlinge auszubilden, würde dadurch ebenfalls erhöht.

Wer oder was ist das Denknetz?

Das Denknetz ist ein unabhängiger Verein mit dem Ziel, die Vernetzung zwischen Wissenschaft, NGO, Gewerkschaften, Politik und Verbänden zu fördern. Als linker Thinktank will das Denknetz gesellschaftliche Diskurse beeinflussen und mitgestalten, sowie Reformkonzepte entwickeln.

Derzeit besteht das Denknetz aus rund 850 Einzel- und 15 Kollektivmitgliedern. Der Verein legt grossen Wert auf seine politische und finanzielle Unabhängigkeit, weshalb auch Kollektivmitglieder nur maximal CHF 5000 beitragen können. Organisatorisch besteht der Verein aus einem Vorstand und diversen Fach- und Kerngruppen (Prekariat, Bildung, Ökonomie, Steuerpolitik, Sozialpolitik, Arbeit und Care-Ökonomie).

Denknetz-online.ch

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